Gottesdienst

Beginnt am 01 Juli 2018 12:00

Gottesdienst
„Von der Tiefe – Gott anders denken“
mit Texten von Paul Tillich

Fernando Swiech - Orgel
César Cabanero Martinez - Horn
Pastor Michael Schirmer

Paul Tillich „Von der Tiefe“

Das meiste in unserem Leben bewegt sich auf der Oberfläche. Wir sind von Routine umgeben, die in unserem Alltag, bei der Arbeit, beim Vergnügen, im Beruf und in der Entspannung herrscht. Wir sind unzähligen Zufällen ausgesetzt – guten und bösen. Wir werden mehr getrieben, als dass wir treiben. Wir hören nicht auf, in die Höhe über uns oder in die Tiefe unter uns zu blicken. Wir sterben immer vorwärts, obwohl meist in einem Zirkel, der uns schließlich an den Ort, von dem wir ausgegangen sind, zurückbringt. Wir sind in fortgesetzter Bewegung und machen nie halt, um in die Tiefe zu stoßen. Wir reden und reden und hören nie auf die Stimmen, die zu unserer Tiefe und aus unserer Tiefe sprechen. Wir bejahen uns so, wie wir uns sehen, und kümmern uns nicht darum, was wir in Wirklichkeit sind. Gehetzt und gejagt, verletzen wir unsere Seele durch die Hast, mit der wir uns auf der Oberfläche bewegen, und dann stürzen wir hinweg und lassen unsere misshandelte Seele allein. Deshalb verfehlen wir unsere Tiefe und unser wahres Leben. Und nur dann, wenn das Bild zusammenbricht, das wir von uns haben, nur dann, wenn wir uns bei Handlungen ertappen, die allen Erwartungen dieses Bildes widersprechen; nur dann, wenn ein Erdbeben die Oberfläche unserer Selbsterkenntnis erschüttert und zerstört, sind wir gewillt, in eine tiefere Schicht unseres Seins zu schauen.

„Der Name dieser unendlichen Tiefe und dieses unerschöpflichen Grundes alles Seins ist Gott. Jene Tiefe ist es, die mit dem Wort Gott gemeint ist. Und wenn das Wort für euch nicht viel Bedeutung besitzt, so übersetzt es und sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne Vorbehalt ernst nehmt. Wenn ihr das tut, werdet ihr vielleicht einiges, was ihr über Gott gelernt habt, vergessen müssen, vielleicht sogar das Wort selbst. Denn wenn ihr erkannt habt, dass Gott Tiefe bedeutet, so wisst ihr viel von ihm. Ihr könnt euch dann nicht mehr Atheisten oder Ungläubige nennen, denn ihr könntet nicht mehr denken oder sagen: „Das Leben hat keine Tiefe, das Leben ist seicht, das Sein selbst ist nur Oberfläche.“ ... Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott.

Diese Worte sollen uns zu der anderen Bedeutung führen, die die Worte tief und Tiefe in der religiösen und profanen Sprache haben. Sie bezeichnen die Tiefe des Leidens, die die einzige Tür zur Tiefe der Wahrheit ist... Es ist bequem, an der Oberfläche zu bleiben, solange sie unerschüttert bleibt. Aber es ist schmerzlich, sich von ihr abzukehren und in unbekannte Gründe hinabzusteigen. Der ungeheure Widerstand in jedem menschlichen Wesen und die vielen Vorwände, die gebraucht werden, um dem Weg in die Tiefe zu entgehen, sind durchaus natürlich. Die Qual, in die eigenen Tiefe zu blicken, ist für die meisten Menschen unerträglich. Sie wollen lieber zu der erschütterten und verwüsteten Oberfläche ihres früheren Lebens und Denkens zurückkehren. (Dasselbe gilt für die sozialen Gruppen, die alle Arten von Ideologien und falschen Gründen hervorholen, um sich gegen die zu wehren, die sie auf den Weg zur Tiefe ihres sozialen Daseins führen wollen. Sie möchten lieber die Risse der Oberfläche durch kleine Heilmittel verdecken, als in den Grund zu graben. Die Propheten aller Zeiten können von dem verbissenen Widerstand berichten, den sie entflammten, als sie es wagten, die Tiefen der sozialen Krisis und der sozialen Forderung aufzudecken. Und wer könnte wirklich die letzte Tiefe ertragen, ohne mit dem Propheten auszurufen: „Wehe mir, ich vergehe, denn meine Augen haben den Herrn der Heerscharen gesehen.“

Das Kennzeichen wirklicher Tiefe ist ihre Einfachheit. Wenn ihr sagt: „Das ist mir zu tiefsinnig, ich kann es nicht begreifen, so betrügt ihr euch selbst. Denn ihr sollt wissen, dass es nichts von wirklicher Bedeutung gibt, was für irgendeinen Menschen schwer zu verstehen wäre. Man weicht der Wahrheit nicht aus, weil sie zu schwierig, sondern weil sie zu unbequem ist. Laßt uns deshalb die ausgeklügelten Dinge nicht mit den tiefen Dingen des Lebens verwechseln. Alles Ausgeklügelte geht uns nicht unbedingt und letztlich an, und daher ist es gleichgültig, ob wir sie verstehen, oder nicht. Aber alles Tiefe muss uns immer beunruhigen, weil es für uns von unendlicher Bedeutung ist, ob wir davon ergriffen sind, oder nicht.

Es gibt keine Entschuldigung für den, der der Tiefe ausweichen will, obgleich der Weg zu ihr der Weg des Leidens ist. Ob das Leid von außen auf uns zukommt und von uns als Weg der Tiefe angenommen wird oder ob es freiwillig als einziger Weg zu den tiefen Dingen, ob es der Weg der Demut oder der Weg der Auflehnung – der Weg läuft immer entgegen der Weise, wie wir vorher lebten und dachten. Das ist der Grund, warum Jesaja das Volk Israel – den Knecht Gottes- in der Tiefe seines Leidens preist und warum Jesus die selig nennt, die in der Tiefe der Sorge und der Verfolgung, des Hungers und Durstes an Leib und Seele leiden, und warum er die Preisgabe des Lebens fordert, damit das Leben gewonnen wird. Es ist auch der Grund, warum die beiden großes Revolutionäre, Thomas Müntzer im 16. Jh. Und Karl Marx im 19. Jh., in ähnliches Ausdrücken von der Berufung der Menschen sprechen, die an den Grenzen der Menschlichkeit stehen, in der Tiefe der Leere, wie Müntzer, in der Tiefe der Entmenschlichung, wie Marx es ausdrückte-, jene Menschen des Proletariats, die sie als Träger einer rettenden Zukunft bezeichnetet.

Und wie es in unserem Leben ist, so ist es auch in unserem Denken. Von der Tiefe aus gesehen, scheint alles auf den Kopf gestellt zu sein. Oft hat man darum der Religion und dem Christentum ihren irrationalen und paradoxen Charakter vorgeworfen...
Und doch ist es richtig, dass auch von unserem Denken die Tiefe des Opfers, des Leidens und des Kreuzes verlangt wird. Jeder Schritt in die Tiefe des Denkens ist ein Abwenden von der Oberfläche früheren Denkens. Als diese Abwendung sich in Männern wie Paulus, Augustin und Luther vollzog, erlebten sie ein solches Maß an Leiden, dass sie es als Hölle und Tod erfuhren. Aber sie bejahten dieses Leiden als Weg zu der Tiefe Gottes, als geistlichen Weg, als Weg zur Wahrheit. Und sie brachten die Wahrheit, der sie begegnet waren, in geistlichen Worten zum Ausdruck, in Worten, die das Gegenteil alles oberflächlichen Wortgebrauchs zeigten, nämlich die Übereinstimmung mit der Tiefe der Vernunft, die göttlich ist. Die paradoxe Sprache der Religion enthüllt den Weg zur Wahrheit als einen Weg zur Tiefe und daher als einen Weg des Leidens und des Opfers. Nur wer bereit ist, diesen Weg zu gehen, dem erschließen sich die Paradoxe der Religion.

Das Ende des Weges zur Tiefe ist Freude. Freude ist tiefer als Leid, Freude ist etwas Letztes. Ich möchte dies in den Worten eines Mannes sagen, der in leidenschaftlichem Ringen um die Tiefe von dämonischen Kräften gepackt wurde und das Wort nicht fand, sie zu besiegen.
Friedrich Nietzsche schreibt:

Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh – Lust tiefer noch als Herzeleid.
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit,
Will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Ewige Freude ist das Ende aller Wege zu Gott. Die Botschaft vieler Religionen ist, dass das Reich Gottes Friede und Freude ist. Es ist auch die Botschaft des Christentums. Aber ewige Freude gewinnen wir nicht, wenn wir an der Oberfläche leben. Sondern wir erreichen sie, wenn wir hindurchbrechen durch die Oberfläche und eindringen in die tieferen Schichten unseres Selbst, unserer Welt und Gottes. Der Augenblick, in dem wir die letzte Tiefe unseres Lebens erreichen, ist der Augenblick, an dem wir die Freude erfahren, die Ewigkeit in sich hat, die Hoffnung, die nicht zerstört werden kann, und die Wahrheit, auf die auf die Leben und Tod gebaut sind. Denn in der Tiefe ist Wahrheit, und in der Tiefe ist Hoffnung und in der Tiefe ist Freude.

1948 The shaking of foundations
1952 deutsch: “In der Tiefe ist Wahrheit”

 

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