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Ein Interview mit Irmgard Nauck

Seit zehn Jahren gibt es die Kirche der Stille: „Menschen wollen spirituell berührt werden“.

Die kleine Christophoruskirche in der Helenenstraße war vor zehn Jahren von der Schließung bedroht, bevor sie sich zum Erfolgsmodell entwickelte.

Erstaunlicher-weise ist sie noch heute die einzige Kirche der Stille in Deutschland, die sich so ausschließlich auf spirituelle Angebote konzentriert. Unter der Woche ist sie täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Im vergangenen Jahr haben etwa 16.600 Menschen ihre vielfältigen Veranstaltungen besucht. Melanie Kirschstein hat Irmgard Nauck interviewt, die vor zehn Jahren dieses Projekt gegründet hat.

Melanie Kirschstein: Wie ist die Idee entstanden, aus der Christophoruskirche eine „Kirche der Stille“ zu machen?
Irmgard Nauck: Wir waren mitten in Fusionsgesprächen im Jahre 2005. „Was wäre ihr Herzensanliegen in einer neu gestalteten fusionierten Gemeinde?“, fragte der Supervisor, der uns Pastoren durch diese Verhandlungen begleitete. Schweigen. In das Schweigen hinein habe ich gesagt: „Ich würde gerne die Christophoruskirche für Meditation und Stille umbauen und nutzen.“ Da sagte er schlicht: „Das ist ein wahres Herzensanliegen. Was brauchen Sie dafür?“ Ich habe geantwortet: „Das Ja von Klaus Schläger (dem damaligen Pastor der Christopho­ruskirche) und den Schlüssel.“ Da hat Klaus Schläger in seine Tasche gegriffen und mir symbolisch den Schlüssel der Christophoruskirche überreicht.

Was bedeutet „Kirche der Stille?“
Für mich ein neuer Weg von Kirche im 21. Jahrhundert. Einer von vielen. Dabei sind der Kirchraum und die täglich geöffnete Kirche unser kostbarstes Gut. Diese kleine Kirche ist ein Raum der Geborgenheit, eine Oase der Stille mitten in der Großstadt. Sie ist offen für verschiedene Konfessionen und Religionen oder für Menschen, die keiner Religion angehören. Hier können sie einfach sein, so wie sie sind.

Was suchen die Menschen?
Sie suchen Ruhe, um zu sich selbst zu kommen. Sie suchen einen Ort, wo sie ihrer Sehnsucht nachgehen können nach etwas, das sie in der Tiefe trägt, nach etwas Wesentlichem, was sie vermissen in ihrem Leben. Viele sagen nicht „Gott“. Das Wort verschließt eher etwas. Aber sie suchen doch etwas, das höher ist als sie selbst und über die sichtbare Wirklichkeit hinausgreift. Die Kirche der Stille gibt der Sehnsucht Raum.

Könntest Du Deinen Weg mit dieser Kirche als Berufung bezeichnen?
Das ist ein großes Wort, aber ich bin mit solcher Leidenschaft dabei, dass ich sagen kann: Ja, das ist meine Berufung.
Was mir daran sehr wichtig ist: Es ist eine Chance zur Selbsterkenntnis. Wenn Menschen sich hier auf die Matte setzen, ist es ja erstmal nicht still. Für viele ist es eine erschreckende Erfahrung, was da für Gefühle und Gedanken in ihrem Herzen und in ihrem Kopf brausen. Es ist nicht so leicht, sich hinzusetzen und still zu sein. Manche fühlen eine Riesentraurigkeit. Es ist mutig, sich dem auszusetzen und vielleicht um ein Gespräch zu bitten. Menschen merken, wenn sie sich diesem inneren Dunkel öffnen, ist da ein Grund, der sie trägt. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis werden eins. Das ist wohl der größte Schatz der christlichen Botschaft, und es ist mein Herzensanliegen, Menschen auf diesem Weg zu begleiten.

Da gibt es für manche Christen merkwürdig anmutende Angebote, Zen-Meditation, Autonomes Zittern… was hat das in einer Kirche zu suchen?
Wir haben als Säulen die drei Begriffe „Stille, Weite, Rhythmus“. Weite heißt: Wir geben Raum für Menschen anderer religiöser Traditionen. Da gehört für mich Zen-Buddhismus unbedingt hinein. Das hat, wenn man teilnimmt, erstmal wenig mit Religion zu tun, ist vielmehr Einüben einer Haltung. Übrigens sind unter den Zen-Leuten die meisten Kirchenmitglieder. Autonomes Zittern – wir haben gesagt: Die Heilkraft des Körpers ist ein ganz wichtiges Thema. Unser Leib ist ein Tempel des Heiligen, heißt es bei Paulus. Autonomes Zittern ist eine Form von Stress- und Blockadeabbau. Das macht eine tief im christlichen Glauben verankerte Frau. Ich schaue genau hin, wer die Angebote macht. Immer geht es darum, den Menschen Erfahrungsräume anzubieten, vor unserem christlichen Hintergrund.

Legt die Kirche der Stille einen Finger in ein kirchliches Defizit?
Das würde ich mit einem klaren kräftigen JA beantworten. Wir haben zu viel geredet und erklärt. Unsere Gottesdienste sind zu wortlastig für die heutige Zeit. Menschen wollen Erfahrungen machen und nicht nur gepredigt bekommen. Sie wollen eigene spirituelle Berührungen erleben. Ich glaube, dass Menschen hierher kommen, die in ihrer traditionellen Gemeinde kein Zuhause finden. Oder die überhaupt in irgendeiner Weise eine spirituelle Beheimatung suchen.

Hat sich Deine Identität, Deine Art, Pastorin zu sein, verändert?
Auf jeden Fall. Ich bin ja schon 25 Jahre traditionelle evangelische Gemeindepastorin gewesen. Bei der Eröffnung der Kirche der Stille passte mein schwarzer Talar zum Beispiel nicht mehr. Den habe ich ganz bewusst abgelegt – und damit einen Teil der Tradition meiner Väter. Das war ja meines Vaters Talar. Ich bin der Tradition tief verbunden. Aber es geht doch um ein neues Gewand, um die Suche nach neuen Formen, geistlichen Zugängen, Erfahrungen. Es ist bis heute für mich die Frage: Wieviel Text und wieviel Predigt verträgt ein Gottesdienst? Welche Lieder sind hier stimmig? Wie bete ich? Wie spreche ich von Gott in diesem Raum?

Wie würdest Du das Neue für Dich beschreiben? Was ist Dir daran wichtig?
Nichts für Gott tun zu müssen. Mich lieben zu lassen von Gott, diese Liebe durch mich fließen zu lassen und wahrzunehmen. Durch die vielen Meditationen und das stille Sitzen habe ich selbst tiefe Erfahrungen gemacht. Gott ist gegenwärtig, Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige – es geht darum, immer wieder meine Gedanken zurückzuholen in die Gegenwart Gottes. Gott ist da – das ist zu einer Gewissheit geworden. Ich bin frommer geworden.

Heißt das für Dich als Pastorin, mehr mit den Menschen auf der Suche zu sein, als ihnen etwas zu sagen?
Das beschreibt genau, was ich hier empfinde. Ich stehe nicht mehr unter dem Druck, ganz viel geben und sagen zu müssen. Ich selbst bin auf dem inneren Weg mit den anderen und aus dieser Rolle heraus gebe ich Impulse. Da ringe ich manchmal sehr: Was erfahre ich denn eigentlich, was ist gerade für mich spirituell wichtig, wie kann ich das in Worte fassen?

Was ist der größte Erfolg der Kirche der Stille?
Der größte Erfolg sind die sieben regelmäßigen Erfahrungswege der Stille: Kontemplation, Zen, Herzensgebet, Soul Motion, Meditation der vier Himmelsrichtungen, aktive Herzmeditation und Handauflegen. Das sind alles offene Gruppen, zu denen jederzeit neue Teilnehmende dazukommen können, aber viele Menschen haben sich für einen Weg entschieden. Den gehen sie auch im Alltag ganz treu und unspektakulär, den vertiefen sie in Seminaren und an Wochenenden, und sie gehen auch in die Klöster. Die Menschen kennen sich untereinander, sind wie kleine Gemeindegruppen, die sich auch durch den Alltag tragen. Es ist eine Freude für mich, dass Menschen hier ein Zuhause gefunden haben in einem inneren Weg der Stille.

 

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